Auszug aus dem Jahresbericht 2008-2009
Zuhören verändert
1.0 Ein ganz neues Kapitel in der Geschichte der
TelefonSeelsorge Freiburg:TelefonSeelsorge im Internet - Chat-Seelsorge
2.0 Am Telefon: Seit 33 Jahren ansprechbar
3.0 Ohne sie geht gar nichts: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
3.1 Test-und Scherzanrufe oder: Wie komme ich nur durch diesen Dienst?
4.0 Viel los bei uns - Fortbildungen und gemeinsame Veranstaltungen
4.1 TelefonSeelsorge beim Diözesantag 2008 -„Ihr seid Gottes Melodie“
und Brücken bauen,
Schranken entfernen,
grenzenlos.
Ich möchte helfen,
wo Fäuste drohen
und Willen erlischt.
Keine Wunder vollbringen,
nur Mensch sein
will ich.
Kurt Haberstich
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Zuhören verändert
Diese Erfahrung machen wir täglich und stündlich in der TelefonSeelsorge.
Zuhören - Hinhören – Anhören – Heraushören - Dahinter-Hören.....
Wir unterscheiden viele Qualitäten des Hörens. Und gewiss kann ich auch weghören, überhören.
Hören ist eine der frühesten Sinnesleistungen eines Menschen – schon weit vor seiner Geburt – und doch bleibt das Erlernen des Hörens eine lebenslange Herausforderung. Rechtes Zuhören Können ist eine Kunst, die gepflegt, vertieft, weiterentwickelt werden möchte.
Zuhören verändert
zunächst einmal mich als Zuhörenden. Eine neue Welt tut sich mir auf, neue Zusammenhänge und Altvertrautes, alte Ängste und Erfahrungen können in mir aufsteigen, aber auch Hoffnungen und Kraftquellen. Zuhören kann mich mir selbst näher bringen, kann mich verändern.
Wenn umgekehrt mir selbst jemand zuhört, kann ich ähnliche Erfahrungen machen: Indem ich gehört werde, höre ich selbst immer mehr in mich hinein, entdecke mich neu, beginne wieder neu, mich zu verstehen. Zu verstehen, was mich trägt, fordert, ausrichtet und stärkt. Zu verstehen auch, was mich bedrängen, bedrohen und mir die Kraft rauben kann.
Zuhören ist ein zutiefst dialogisches Geschehen, das beide aktiv einbezieht und verändert: Den Hörenden und den Gehörten. In diesem Sinne ist Zuhören Seelsorge und Seelsorge kann keine Seelsorge sein ohne dieses dialogische wertschätzende Zuhören.
Ob in der TelefonSeelsorge, der Gemeinde- oder Pfarreiseelsorge, der Polizeiseelsorge, der Notfallseelsorge, der Gefängnis-, Klinik-, Kur-, ja auch Urlaubsseelsorge, ob am Telefon, über Internet oder in der vis à vis Begegnung - immer geht es in der Seelsorge um dieses dialogische, wertschätzende Zuhören. Selbst dann noch, wenn Sprache versagt, wie etwa bei einem akut traumatisierten Menschen oder einem Sterbenden, kann Zuhören möglich sein.
Zuhören als seelsorgliches „Angebot“ nach außen setzt voraus, dass die Seelsorgerinnen und Seelsorger sich selbst als Gehörte, Wahrgenommene, Wertgeschätzte erleben. Innerhalb der Einrichtung TelefonSeelsorge und innerhalb der Kirche. Es setzt „Räume“ der Begegnung und des Zuhörens für die Seelsorgerinnen und Seelsorger voraus:
Eine Kultur des Zuhörens!
Erich Biel
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1.0 Ein ganz neues Kapitel in der Geschichte der TelefonSeelsorge Freiburg:
TelefonSeelsorge im Internet - Chat-Seelsorge
Große Nachfrage – Angebotene Termine sind im Nu vergriffen
Die TelefonSeelsorge Freiburg konnte 2008 ein neues Kapitel in ihrer Geschichte beginnen, die Mitarbeit im bundesweiten Angebot der TelefonSeelsorge im Internet. Das bundesweite Angebot umfasst sowohl Mailberatung als auch Chatberatung. In Freiburg sind wir in die Einzel-Chatberatung eingestiegen, weil in diesem Bereich ein weitaus höherer Bedarf besteht als bisher erfüllt werden kann.
In neue Aufgaben hineinwachsen
Über die Vorarbeiten und Vorgedanken haben wir bereits im Jahresbericht 2007, Seite 6 ausführlich berichtet. Die ersten Chats fanden dann im März 2008 statt. Nach und nach wurden 9 Mitarbeiterinnen und 2 Mitarbeiter mit der Chatarbeit vertraut gemacht. Sie erweiterten ihre Medienkompetenz, sie erlernten die technischen Vorgänge und Abläufe, sie erhielten Fortbildungen zu den Besonderheiten der Chatkommunikation, sie führten in Begleitung erste Chats und wuchsen so in die Arbeit kontinuierlich hinein bis sie eigene Chats unter supervisorischer Begleitung durchführen konnten. Das Chat-Team trifft sich monatlich zu Fortbildung und Supervision.
Ein flotter Beginn - Statistik 2008
Zum Jahresende 2008 konnten wir 255 Chats registrieren. Im Jahr 2009 kamen noch einmal fast 500 Chats dazu! Das ist eine durchaus stolze Leistung in der Einarbeitungsphase. Eine durchschnittliche „Privat-Chat“-Beratung dauert 50 Minuten. Wir sind der Meinung, dass Einzel-Chats unserer intensiven Arbeitsweise gemäß angemessener sind als Beratung in Chat-rooms.
Chatter sind jünger
Das Alter der Ratsuchenden liegt erwartungsgemäß unter dem Alter der Ratsuchenden am Telefon. Wir freuen uns, dass wir hier die Altersgruppe 16 bis 30 Jahre gut erreichen können – denn diese Altersgruppe ist am Telefon unterrepräsentiert. Auffallend ist die geringe Beteiligung der 30 bis 35-jährigen Menschen. Eine gute Erklärung haben wir dafür noch nicht gefunden. Die Altersverteilung stimmt übrigens mit der bundesweiten Verteilung verblüffend überein.Wird Freiburg zufällig ausgesucht?
Dass unsere statistischen Ergebnisse in Freiburg mit den bundesweit erhobenen Daten überwiegend übereinstimmen ist zu erwarten, da die Ratsuchenden sich vermutlich zufällig auf die TS-Stellen verteilen.
Man muss allerdings bemerken, dass die Aussagekraft der Statistik naturgemäß eingeschränkt ist, da nach sämtliche Informationen über Alter, Geschlecht usw. gefragt werden muss. Sie erschließen sich selten aus dem chat selbst.
Ungefähr die Hälfte der Ratsuchenden befindet sich noch in Ausbildung
Dies lässt sich mit dem starken Altersanteil 16-25jähriger erklären und damit dass viele chats in der Berufszeit angeboten werden, in der Erwerbstätige nicht privat chatten können.
Die Ratsuchenden – sozial eingebunden – mit eher schambesetzten Themen
v An erster Stelle der Themen stehen soziale Bindungen wie Familie, Verwandtschaft, Freunde, Nachbarn und Kollegen. Eigentlich erstaunlich – stehen doch die Computerfreaks im Ruf ihre ganze Zeit allein vor dem PC zu sitzen. So scheint das bei unseren Ratsuchenden nicht zu stimmen.
v An zweiter Stelle folgen psychische Auffälligkeiten wie Depression, selbstverletzendes Verhalten, Essstörungen und Sucht. Das verwundert überhaupt nicht – handelt es sich doch um sehr schambesetzte Themen. Mancher Ratsuchende hält es subjektiv für unmöglich sich gegebenenfalls auch telefonisch an die TelefonSeelsorge zu wenden.
v Am dritthäufigsten finden sich Themen zu Arbeit, Schule, Ausbildung – auch Geld, wirtschaftliche Fragen und Schulden. Mögliche Erklärung: Viele chats finden zur üblichen Arbeitszeit statt und können deswegen von Menschen in geregelten Arbeitsverhältnissen nicht so gut genutzt werden.
v Ebenfalls sehr häufig wird über Gewalt und Missbrauch berichtet und Tod, Suizid und Trauer angesprochen. Auch hier könnte die Erklärung sein, dass es sich über schambesetzte Themen leichter schreibt als spricht.
Wenn wir die Freiburger Statistik mit der bundesweiten Chatstatistik vergleichen gibt es auch bei den Themen der Ratsuchenden nur geringe, nicht bis wenig signifikante Unterschiede.
Aufbruchsstimmung und Souveränität - Die TelefonSeelsorge Freiburg ist kompetent dabei in multimedialer Seelsorge und Beratung
Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Laptop gehen mit großen Engagement an diese neue Aufgabe heran. Bei vielen überwiegt noch freudig-gespannte „Aufbruchsstimmung“. Und immer mehr wird eine gewisse Souveränität mit dem neuen Medium deutlich. Es hat sich sehr bewährt, dass nur Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit mindestens 2‑jähriger Telefonerfahrung und gleichzeitiger Mitarbeit am Telefon, im Chat mitarbeiten sollen. Deren generelle Beratungskompetenz und Beratungserfahrung ist die wichtigste Grundlage für einen gelingenden Chat.
Wir freuen uns sehr, dass wir hier in einem neuen Gebiet mitarbeiten können, das seitens der Ratsuchenden so außergewöhnlich stark nachgefragt wird.
2.0 Am Telefon: Seit 34 Jahren ansprechbar
Seit die TelefonSeelsorge Freiburg im Jahr 1976 ihren Dienst am Telefon aufgenommen hat, haben unzählige Menschen dieses anonyme Seelsorgeangebot angenommen. Viele konnten durch Gespräche ihre Angst mindern, Hilfe und Unterstützung in Krisen erleben, Wege und Orientierung finden.
In jährlich mehr als 10.000 Stunden Dienst am Telefon (rund–um-die-Uhr - teilweise mit 2 parallelen Telefonen) führten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter 19.464 (2008) bzw. 19.662 (2009) Gespräche mit Frauen, Männern und Jugendlichen – jeweils rund 1.000 mehr als im Jahr 2007.
Mit Abstand am häufigsten, nämlich 9.408 mal in den beiden Berichtsjahren, suchten Menschen mit psychischen Problemen ein Gespräch mit der TelefonSeelsorge, gefolgt von Problemen zwischen Familienmitgliedern (5.850). Probleme zwischen oder mit Partnern waren 4.506 mal Hintergrund des Gesprächswunsches. Erwartungsgemäß gehören auch Einsamkeit (5.370), körperliche Krankheit (3.864) und Belastungen im Zusammenhang mit Arbeitsplatz und Arbeitslosigkeit (3.114) zu den häufigsten Themen. Die ausdrückliche Suche nach Sinn, Orientierung und Glaube bildete in 3.066 Gesprächen einen wichtigen Hintergrund.
3.0 Ohne sie geht gar nichts: Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter
Eine neue Ausbildungsgruppe geht ans Telefon
Es ist ein schönes und befriedigendes Erleben für die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und für die Hauptamtlichen wenn eine neue Ausbildungsgruppe ans Telefon geht - wie auch 2008. Ein Jahr der intensiven Ausbildung und Vorbereitung liegt hinter ihnen und sie können in die Gemeinschaft der TelefonSeelsorge Freiburg aufgenommen werden. Üblicherweise geschieht das während unserer dreitägigen Tagung in Hochfelden. Zunächst während des geselligen Abends am Samstag und dann während des Gottesdienstes am darauf folgenden Sonntag. Das ist für alle ein richtiges Fest und für die Ausbildungsgruppe ein unvergessliches Erlebnis.
Zugpferd und Aushängeschild
An dieser Stelle ist uns ganz wichtig zu erwähnen, wie dankbar wir sind, dass sich immer wieder Menschen bereit finden diesen verantwortungsvollen Dienst am Telefon zu versehen. Wir wissen, dass die anspruchsvolle Vorbereitung und die regelmäßige Begleitung der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch Supervision sowohl Zugpferd als auch Aushängeschild für die TelefonSeelsorge darstellen. Wir achten deswegen sehr darauf, dass eben diese Ausbildung und Supervision in hoher Qualität den Erwartungen und den durchaus hohen Ansprüchen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerecht wird. Freiburg als Standortvorteil
Interessanter Weise scheinen wir zusätzlich einen hohen Standortvorteil genießen zu können. In einer PROGNOS-Studie mit dem Titel „Engagement Atlas 09“ wurde festgestellt, dass die Bereitschaft zum Ehrenamt im Südwesten Deutschlands und insbesondere in Baden-Württemberg am höchsten ist. Fast 40% aller Einwohner sind zum gesellschaftlichen Engagement tatsächlich bereit. Festgestellt wurde auch: je besser die Bildung und je höher das Einkommen, desto größer die Neigung zum Ehrenamt. Auch sind es bevorzugt Kirchensteuerzahler, die ihre Freizeit opfern, um Soziales zu tun.
Ehrenamt in Euro
Aufschlussreich ist auch dies: 35 Milliarden € - so schätzen die Forscher - trägt ehrenamtliches Engagement pro Jahr zum Gemeinwesen bei!!! Das würde dem Einsatz von 3,2 Millionen Erwerbstätigen entsprechen.
Im Falle der TelefonSeelsorge Freiburg entspricht der Beitrag der Ehrenamtlichen mehr als 10.000 Stunden Dienst am Telefon, 400 Stunden Seelsorge im Chat, 2.400 Stunden Supervision und Fortbildung, darüberhinaus Zeit für Organisationsaufgaben, zusammen mehr als 13.000 Stunden pro Jahr, d.h. mehr als 170 Stunden pro MitarbeiterIn. Dies entspricht einem Stellendeputat von 7 weiteren Hauptamtlichen Stellen je 100 %.
Darüberhinaus bringen die Ehrenamtlichen der TelefonSeelsorge Freiburg 19.400 € (Jahr 2009) in den Haushalt der TelefonSeelsorge Stelle ein durch Verzicht auf Fahrtkosten zu den Diensten, zur Supervision und zu Fortbildungsveranstaltungen – dies sind 8,0 % des Gesamthaushalts (!).
Dies sind ausgesprochen eindrucksvolle Zahlen und sie belegen noch einmal deutlich wie anerkennenswert es ist, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der TelefonSeelsorge Freiburg jeden Tag und jede Nacht am Telefon sitzen und damit - wie eine Mitarbeiterin einmal formulierte - ein sicherheitsgebender Leuchtturm in manchen Nächten darstellen.
Einige Zahlen für 2008 und 2009
Ø Im Laufe des Jahres 2008 sind 11 Frauen und 3 Männer nach Abschluss ihrer Ausbildung zu uns gekommen.
Ø 85% der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind zwischen 40 und 70 Jahren alt.
Ø Im Jahr 2009 hatten wir einen sehr hohen Krankenstand und viele beurlaubte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sei es auf beruflichen Gründen oder weil für Angehörige mehr zu sorgen war.
Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten langfristig bei der TelefonSeelsorge Freiburg mit. Und natürlich wünschen wir uns das auch. Erfahrung mit den äußerst vielfältigen Themen, dem Umgang damit und dem zur Verfügung stehenden psychosozialen und seelsorgerlichen Netz sind am Telefon wirklich wichtig. Bei der Auswahl achten wir deswegen auch darauf, dass die Bewerber nach der Ausbildung eine gute Zeit für den Dienst am Telefon zur Verfügung stehen können. Dies schließt manchen – durchaus sonst geeigneten – Jüngeren schon mal aus, da berufliche Mobilität mehr denn je erforderlich ist. Wir werden uns überlegen müssen, ob uns jüngere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als solche so wichtig sind, dass wir unsere Auswahlstrategie deswegen verändern müssen.
3.1 Test-und Scherzanrufe oder: Wie komme ich nur durch diesen Dienst?- Ein Schlaglicht
Zur Vorsicht ein Vorwort: möglicherweise könnte der Eindruck entstehen, dass die Gespräche mit Jugendlichen immer so wie hier beschrieben ablaufen. Das ist natürlich nicht der Fall. Es gibt sehr schöne, lustige, berührende, fantasievolle Gespräche. Nicht alles davon ist ernst gemeint und das ist auch nicht unbedingt erforderlich. Wir wollen im Kontakt bleiben und wir möchten da sein, wenn wir wirklich gebraucht werden. Aber manchmal wird die Geduld doch sehr strapaziert und belastet die nachfolgenden Gespräche. Von dieser Problematik soll hier die Rede sein.
Ich schaue auf die Uhr. 1 ½ Stunden meiner Nachmittagsschicht sind vorüber.
Der Nachmittag, die Zeit der jugendlichen „Scherz“-Anrufer!
Auf meiner Statistikliste stehen 13 Anrufe – wenn man sie denn so nennen kann. Eher war es Gelächter, undefinierbare Geräusche, Schreien, sexuelle Anmache heftigster Art. Ich frage mich, ob der ganze Nachmittag so weiter gehen wird.
Dann, endlich, ein Gespräch.
Eine halbe Stunde lang erzählt ein Mädchen eine berührende Geschichte. Alles kommt darin vor: Missbrauch, trinkender und prügelnder Vater, die Mutter gestorben. Weint sie?
Ich kann nicht wirklich erklären, warum ich, trotz meines Mitgefühls, skeptisch bin. Aber im Laufe der Jahre entwickelt sich eine gewisse Intuition. Da gibt es Redewendungen, die nicht so richtig passen, der Tonfall gibt zu denken, manches klingt auswendig gelernt, usw.. Also halte ich mich erst einmal zurück, höre aber um so aufmerksamer zu. Ich befinde mich in einem Zwiespalt. Einerseits möchte ich trösten und, wenn es geht, neue Perspektiven aufzeigen, anderseits befürchte ich einem „Scherz“ auf zu sitzen. Und dann wäre Trost und Zuspruch nicht die richtige Reaktion. Aber ich kann es nicht prüfen, sondern muss mich auf meine Intuition verlassen. Und so äußere ich sehr vorsichtig leise Zweifel, die mit Vehemenz und Empörung zurückgewiesen und mit weiteren schrecklichen Details einer Familiengeschichte überboten werden. Inzwischen bin ich sehr sicher, dass hier gar nichts stimmt und kann es nun auch deutlich sagen, und tatsächlich gibt es auf einmal ein kreischendes Gelächter und anschließend ein „Lob“: „Das haben Sie aber sehr nett gemacht – wir wollten nur mal ausprobieren“.
Dieses Lob trifft mich. Da stand ich also auf dem Prüfstand. Wofür? Ich muss erst einmal tief durch atmen, 30 Minuten, nur so zum Spaß? Ich weiß es nicht.
Das Telefon klingelt unaufhörlich. Ich brauche eine kleine Pause, muss mich besinnen, einen Schritt zurücktreten, einmal überprüfen, wie es denn mit meiner Kongruenz, meiner Empathie und meiner Wertschätzung steht. Vorsichtig ausgedrückt spüre ich eine gewisse Zurückhaltung. Aber ich nehme ab und versuche, mich mit Gleichmut zu wappnen. Trotzdem komme ich mir ein bisschen vor wie Aloisius, der auf seiner Wolke immer wütender Halleluja ruft.
Am anderen Ende der Leitung beschimpft sich jemand selbst aufs Heftigste. Natürlich höre ich den Aufforderungscharakter, ich soll jetzt widersprechen, nachfragen, und sanft und geduldig sein. Stattdessen schweige ich und denke: „Wer wird es besser wissen als Sie selbst“. Augenblicklich ist die Stimmung zwischen uns angespannt und als ob am anderen Ende der Leitung meine Gedanken gehört worden wären wird gekontert. Nach meiner Kompetenz wird gefragt und ob die Kirche solche Leute wie mich, auch gut genug geprüft hat und wie es mit meinem Glauben an Gott steht. Und plötzlich und unvermittelt sind wir im Kontakt. Noch nicht gerade sanft, aber sehr ehrlich. Eine Begegnung, ein Gespräch entwickelt sich, getragen von gegenseitigem Respekt und es endet mit Segensworten und einem herzlichen Dank des Anrufers.
Warum ich gerade von diesem Gespräch erzähle? Weil es auch hätte schief gehen können. Weil es manchmal so schwer ist, sich frei zu machen, von dem was vorher war, sich unvoreingenommen einzulassen auf das was da kommt. Und nicht immer gelingt es und es könnte sein, das dem einen oder anderen ein Unrecht geschieht. Das wäre schlimm. W.L. April 2010
Dieser Text zeigt auf eindrucksvolle Weise welche zwiespältigen Belastungen im Dienst am Telefon immer wieder auftreten. „Wir arbeiten seit vielen Jahren daran“ sagt W.L. im Gespräch. Tagungen und Infoabende stellen Fortbildungsangebote dar (siehe direkt anschließend), ergänzt werden diese durch die regelmäßigen individuellen Supervisionsangebote. Für eine grundsätzlich gern gesehene, teilweise aber recht problematische Anrufergruppe haben wir 2009/2010 verstärkt den psychologischen, soziologischen und gesellschaftlichen Kontext von Kindern und Jugendlichen im Zahnspangenalter angeschaut und werden darauf im nächsten Jahresbericht eingehen.
4.0 Viel los bei uns - Fortbildungen und gemeinsame
Veranstaltungen
Ob Fortbildungstagungen, Infoabende, Supervisionsangebote – unser Jahresgottesdienst – bis hin zur Weihnachtsfeier und Ausflug – für aktive und ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – die Angebote werden sorgfältig vorbereitet und gerne angenommen. Dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch dafür ihre Zeit einsetzen nehmen wir nicht als Selbstverständlichkeit hin. Wir sind dankbar dafür und nehmen es mit großer Anerkennung wahr.
Hier ein Überblick:
Ø Frühjahrstagung 2008 in Hochfelden:
„Ich muss ihm doch helfen!“ Wir haben diesmal die Last der Angehörigen in den Blick genommen.
Ø Frühjahrstagung 2009 in Hochfelden:
TelefonSeelsorge – Von welchen Hoffnungen und Werten lasse ich mich leiten?
Ø Herbsttagung 2008 in Freiburg:
Soziologische Betrachtung der Lebenswelten unser Anruferinnen und Anrufern mit Hilfe der Sinus-Studie
Ø Herbsttagung 2009 in Freiburg:
Lebenswelten Jugendlicher - dem Chaos einen Sinn entlocken
Ø Infoabend bei Pro Familia:
„Neue familiengerichtliche Praxis im Sorge- und Umgangsrecht“
Ø Infoabend über das Angebot der kirchlichen Beratungsstellen in Freiburg mit Mitarbeitenden der katholischen und evangelischen Ehe- Familien und Lebensberatungsstellen.
Ø Infoabend beim Kinder- und Jugendtelefon und beim Elterntelefon
Ø Infonachmittag im Zentrum für Psychiatrie in Emmendingen
Ø Mehrere Infoabende zur Einführung der Chatseelsorge im Internet
Ø Regelmäßige Supervisionsgruppen und Feriensupervisionen
Ø Weihnachtsüberraschung für aktive und ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, es begeisterten 2008 die Vokalisten „Öl des Südens“ und 2009 zwei junge Xylophonspieler.
Ø Gespräche der Nachtdienstler über den Nachtdienst und zu Gast bei der „Königin der Nacht“ in der Musikhochschule
Ø Jahrestreffen ehemaliger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
Ø Jahresgottesdienst für alle aktiven und ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
4.1 TelefonSeelsorge beim Diözesantag 2008 -
„Ihr seid Gottes Melodie“Es sollte ein fröhlicher Tag werden mit Musik, Gesang und vielen Besuchern, zu dem der Herr Erzbischof eingeladen hatte. Denn der Diözesantag stand ganz im Zeichen der Kirchenchöre unseres Bistums.
Der Münsterplatz war gesäumt von wunderschönen, weißen Pavillons. Wir von der TelefonSeelsorge hatten einen sehr gut positionierten Platz vor dem Historischen Kaufhaus, mit Blick aufs Münster und auf die Tribüne. Dorthin wurden der festliche Gottesdienst aus dem Münster und verschiedene Programmpunkte übertragen.
Unseren Stand gestalteten wir einladend mit weiß-gelben Tischdecken und weiß-gelbem Blumenschmuck, in den Farben der katholischen Kirche.
Als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der TelefonSeelsorge arbeiten wir - anonym und vertraulich - und gehen selten an die Öffentlichkeit. Doch an diesem Tag zeigten wir uns. Die Hauptamtlichen und einige Ehrenamtliche, waren persönlich anwesend und bereit, mit den Besuchern in Kontakt zu treten.
Durch gelbe, mit Helium gefüllte Luftballons mit aufgedrucktem Logo und der Telefonnummer der TelefonSeelsorge, wollten wir auf uns aufmerksam machen und Eltern mit ihren Kindern an unseren Stand einladen. Bald bildete sich eine Schlange mit geduldig wartenden Kindern. Die gelben Luftballons waren die Attraktion. Manche kamen mehrmals um auch Ballons für die „Geschwister“ zu holen. Auf einer von uns vorbereiteten Karte konnten sie einen Wunsch oder ein Gebet mit ihrem Ballon zum Himmel aufsteigen lassen. Die Ernsthaftigkeit mit der die Kinder ihre Wünsche oder Gebete aufschrieben, war berührend. Andere behielten ihre Ballons lieber in der Hand und verteilten so unsere gelben Farb- und Lichtpunkte auf dem Münsterplatz.
Mit den Eltern und anderen Erwachsenen kamen wir durch unsere Kärtchen, ebenfalls mit Logo und Telefonnummer der TelefonSeelsorge, ins Gespräch. Auf jedem Kärtchen war ein Spruch, der eine Verbindung zu unserer Arbeit am Telefon herstellt. Die Meisten fanden die Texte sehr passend für ihre Lebenssituation, „das trifft genau auf mich zu“ und bedankten sich dafür.
Es fanden Begegnungen mit Menschen statt, die die TelefonSeelsorge kannten und teilweise auch schon in Anspruch genommen hatten. Diese Menschen sagten uns, sie seien dankbar, dass es die Möglichkeit gibt, sich vertraulich rund um die Uhr an uns zu wenden. Für andere war es schön, hinter der bisher so anonymen TelefonSeelsorge ein „Gesicht“ zu entdecken.
Selbst in kurzen Gesprächen, war es möglich, Vertrauen herzustellen. Oft erzählten die Angesprochenen spontan von ihren Sorgen und Nöten. Andere interessierten sich für unsere Arbeit oder wir weckten ihr Interesse an Mitarbeit.
Selten waren die Angesprochenen verunsichert oder reagierten zurückweisend auf unsere Kärtchen. „So etwas brauche ich nicht.“ - Ein wichtiges Signal, das wir bei aller Offenheit, die wir zeigen wenn wir in die Öffentlichkeit gehen, nicht übersehen dürfen. Vielleicht sind es gerade diese Menschen, die uns anrufen und unbedingt anonym bleiben wollen oder nicht zeigen möchten, dass sie fremde Hilfe benötigen.
Die Vertraulichkeit und Anonymität der Anrufenden sollte daher weiterhin das wichtigste Gebot der TelefonSeelsorge bleiben.
Dank sagen möchte ich allen unseren Kolleginnen und Kollegen, die uns am Stand besuchten, uns mit Eis und anderen Leckereien versorgten und uns somit ihre Verbundenheit und Zusammengehörigkeit zeigten.
Es war ein sehr gelungener Tag mit Sonnenschein, Fröhlichkeit und vielen Begegnungen.
R.S.